INTERVIEW

Interview mit KUNST-NÜRNBERG Redaktion 2014
(Die Fragen stellte Alexander Racz. Sie wurden von Thomas Bischof schriftlich beantwortet.)


Chrono-Grafik von Thomas Bischof


Der Produktdesigner Thomas Bischof aus Langenzenn bei Fürth hat ab 2007 die Technik der CHRONO-GRAFIK entwickelt. Hierbei handelt es sich um ein kompliziertes Verfahren der digitalen Bildbearbeitung. Matthias Dachwald, ein Mitarbeiter des KunstKulturQuartier in Nürnberg, war so von dem neuartigen Bildbearbeitungsprozess fasziniert, dass er Thomas Bischof  als „Pionier der Fotografie“ würdigte.

Um ein bisschen Licht ins Dunkel der Technik von Thomas Bischof zu bringen, habe ich ihn gebeten einige Fragen zu beantworten und die Chrono-Grafik vorzustellen.


Interview - Anfang


Kunstnürnberg (Alexander Racz): Wie kamst du auf die Idee zu der CHRONO-GRAFIK?

Thomas Bischof: Nicht etwa ein Traum oder der vielzitierte Ideenblitz hat mich dazu gebracht sondern ein langjähriger Prozess, in dem ich mich weiterhin befinde. Dazu gehört an erster Stelle meine Interessen für Natur und Fotografie, das ich wohl von meinem Vater übernommen habe.

Auch meine Begeisterung für die Werke großer Künstler wie z.B. Leonardo Da Vinci, Michelangelo, Riemenschneider oder Dürer haben meinen späteren Weg beeinflußt. Im Studium Produktdesign waren es dann die technischen Aufgabenstellungen die meinen Erfindergeist herausforderten. Später im beruflichen Bereich der Produktfotografie entwickelte ich erste fototechnische Lösungen um z.B. Schmuck besser abzufotografieren und freistellen zu können. Und die zunehmenden Kentnisse der digitalen Bildbearbeitung komplettierten eine wesentliche Voraussetzung für die Chrono-Grafik.

Doch erst die eng aufeinander abgestimmte Kombination von Fotografie und Bildbearbeitung brachte mich 2006 erstmals zu einem brauchbaren Ergebnis einer Chrono-Grafik.


Kunstnürnberg: Was verstehst du unter dem Begriff Chrono-Grafik?

Thomas Bischof: Die Bezeichnung CHRONO-GRAFIK habe ich für meine neuartigen fotografisch-grafischen Darstellungen ausgewählt, da für die Erstellung der Faktor ZEIT von entscheidender Bedeutung ist. Die Bezeichnung Chrono-Grafik steht aber auch für mein Interesse an den unscheinbaren Vorgängen unserer Umwelt, und für eine aufwendige Methode die dazu notwendig ist, diese sichtbar zu machen und darzustellen. Und letztlich steht der Begriff Chrono-Grafik für das Endergebnis, also das fertige Bild.

Eine Chrono-Grafik ist ein Original und eine dokumentarische Abbildung von einem Teil der Wirklichkeit. Um das zu unterstreichen sind die Bilder streng limitiert auf je 6 Exemplare. Unabhängig von der gewünschten Ausgabegröße werden insgesamt maximal 6 Exemplare von einem Motiv ausgegeben.

(nachträgliche Ergänzung: Neben den 6-er-Ausgaben gibt es manche Werke als einmaliges 1er-Unikat.)


Kunstnürnberg: Wie gehst du beim Herstellungsprozess vor? Kannst du die einzelnen Schritte aufzählen?

Thomas Bischof: Zuerst mache ich mittels Stativ zahlreiche auf mein Vorhaben abgestimmte Einzelbilder auf (ca. 40 bis 400). Danach folgt meistens nachts, wenn mich nichts mehr ablenkt, die eigentliche Arbeit am PC. Während der Nachtarbeiten zerlege ich das Bild in unzählige Parameter, die miteinander und untereinander verrechnet werden und setze diese schließlich wieder zu einem Bild zusammen – wohlgemerkt nicht selektiv, sondern global, immer das ganze Bild betreffend. Insgesamt wohl mehrere hundert Arbeitsschritte in bestimmten Abfolgen und Abhängigkeiten. Diese Prozedur kann mehrere Nächte in Anspruch nehmen.

Wenn ich mit dem Resultat zufrieden bin kommt es in mein Archiv und wird vielleicht einmal in einer Ausstellung zu sehen sein. Ich bitte um Verständnis wenn ich mit der Beschreibung aus Zeit und Platzgründen so vage bleiben muss. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch darüber.

Durch die intensive und sehr differenzierte Auseinandersetzung mit Bildbearbeitung habe ich weitere Methoden für visuelle Wirkungen und Illusionen entwickelt, wie z.B. meine Relieftechnik oder meine Wasser-Gold-Bilder.


Kunstnürnberg: Die Fotos sind deine Ausgangsbasis. Welche Kamera und welche Software verwendest du, bzw. gibt es technische Besonderheiten?

Thomas Bischof: Prinzipiell ist jede gute Digitalkamera dazu verwendbar. Es verhält sich nicht anders als bei normaler Fotografie. Berühmte Fotografen der Vergangenheit nutzten weitaus schlechtere Kameras als die heutigen mittelmäßigen Kompaktkameras, und dennoch ist nicht jeder Kompaktkamerabesitzer ein berühmter Fotograf.

Da ich jedoch mit der Kamera viel experimentiere, ist eine differenziertere Einstellbarkeit der Parameter wichtig. Das gleiche gilt für die Bildbearbeitung.
Was zählt ist die differenziertere Einstellbarkeit, wie z.B. Gradation, Schärfe, Buntheit, usw.
Und das geht bei den meisten Bildbearbeitungsprogrammen.
Effektfilter und automatische Funktionen sind für meine Arbeit unnötig.

Prinzipiell könnte man auch mit einem analogen Fotolabor meine Arbeiten nachvollziehen und die unzähligen Rechenschritte mittels analoger Umkopierprozesse ausführen.
Allerdings würde sich die Bildqualität während der zahllosen Umkopierprozesse erheblich verschlechtern, abgesehen vom ungeheuren Zeitaufwand mehrerer Wochen für ein Bild.
Auch deshalb ist diese Art der Darstellung erst durch die digitale Technik möglich geworden.

Bei meinen Experimenten mit Fotografie, Licht, Zeit und Bildbearbeitung entstand eine interessante Wechselwirkung. Mein Bedürfnis, bestimmte Vorgänge sichtbar zu machen, war nur mittels der komplexen Technik realisierbar und die daraus resultierende Vertiefung in die komplexe Technik hat mir weitere raffinierte Möglichkeiten eröffnet, um neue Bereiche der Bildgebung auszuloten und die Grenzen der fotografischen „Darstellbarbeit“ zu erweitern.


Kunstnürnberg: Inwiefern unterscheidet sich eine Chrono-Grafik von einer Collage?

Thomas Bischof: Bei einer Collage werden Inhalte mehrerer Bilder zu einem neuen Bild zusammengeführt. Die willkürliche Einflussnahme auf Bildinhalte hebt den Dokumentationscharakter der Originalfotografie auf.

Die Chrono-Grafik hingegen ist eine Art Dokumentation des Bildgeschehens. Die Inhalte im Bild werden nicht angerührt und nicht willkürlich manipuliert. Ja, sicher wird das Bild verändert – aber lediglich stilistisch, wie z.B. heller, dunkler, schärfer, unscharf, bunt, unbunt usw.

Dabei findet auch keine Selektion von Bildbereichen statt, die dann separat bearbeitet werden. Die Bildberechnungen beziehen sich stets auf die gesamte Bildfläche und deren Resultate. Dabei habe ich keinerlei inhaltliche Kontrolle, und so werde auch ich immer wieder von den unvermuteten Ereignissen überrascht.


Kunstnürnberg: Nach welchen Kriterien wählst du deine Motive aus?

Thomas Bischof: Für fränkische Städte habe ich eine Vorliebe, wohl auch weil ich aus Bamberg stamme. Zunehmend interessiert mich aber auch die moderne Architektur sowie Industrie und Technik, denn mit meiner Chrono-Grafik können Vorgänge und Prozesse der Produktion erkennbar und ästhetisch dargestellt werden.

Im Laufe der Jahre habe ich meinen Blick geschult und erkenne in den Szenerien die besonderen
Ereignisse, wenn z.B. die Beleuchtung wechselt oder Schatten bestimmte Muster erzeugen. Oft reizen mich auch ganz gewöhnliche oder bekannte Motive, bei denen ich Besonderheiten sichtbar mache. Fast immer erzeugt das Resultat eine überraschende Wirkung, die Kombination aus Vertrautem und Fremdartigen zugleich.


Kunstnürnberg: Wie zeigst du Bewegung in den Werken und welche Rolle hat Bewegung für dich?

Seit den Anfängen der Fotografie wird versucht Bewegung abzubilden, z.B. mit Hilfe von Langzeitaufnahmen oder aneinandergereihter Einzelbilder. Alle bisherigen Methoden zeigen das Bewegte stets zusammen mit der Umgebung. Bei Langzeitaufnahmen verwischt das Bewegte oder wird ganz unsichtbar. Und im Film ist stets die komplexe Umgebung mit abgebildet, so dass bewegte Elemente nicht freistehend erkennbar sind.

Mein Interesse ist es, Veränderung, die sich innerhalb eines bestimmten Zeitabschnittes ereignet haben, sichtbar zu machen, und losgelöst von der Umgebung darzustellen. Also eine vom Hintergrund unabhängige Darstellung der bewegten bzw. veränderten Bildelemente. Diese neue Art der Darstellung wurde erst durch die Kombination von Fotografie und Bildbearbeitung möglich.


Kunstnürnberg: Wie entstehen die perlmuttartig schimmernden Farben und was bedeuten sie?

Thomas Bischof: Perlmuttartig schimmernde Farben entstehen an Oberflächen, die das Licht sowohl reflektieren als auch farbig filtern, so dass ein Teil des Lichts als Glanz -, und ein anderer Teil als gefilterte Farbe zurückgestrahlt wird. Das kann bis heute nicht am Monitor und nicht mit Druckfarben dargestellt werden, sondern nur an entsprechenden Materialoberflächen oder mit Metallic-Lacken. Ich gebe den Farben keine Bedeutung, das ist Sache der Farbpsychologen und Historiker. Eine Farbe ist für mich in erster Linie eine Information, sie beschreibt einen kleinen Teil der Eigenschaften eines Objekts. In meinen Chrono-Grafiken entstehen die Farben zufällig, da ich ja keinen willkürlichen Einfluß ausübe.


Kunstnürnberg: Welche Rolle haben Menschen und Architektur in den Chrono-Grafiken?

Eine gute Frage -, denn manches Motiv erinnert wirklich an eine Bühne mit architektonischer Kulisse und den darauf befindlichen Akteuren. Bezogen auf die Bildkomposition bilden Menschen eine Art Gegenpol zur starren Kulisse. Sie erscheinen hervorgehoben, deutlich, farbig während die Umgebung stilistisch reduziert dargestellt ist.

Bezogen auf mein Interesse Unscheinbares sichtbar zu machen, bilden die Menschen oft überraschende Muster und Strukturen. Und als Beobachter der Szenerie fällt mir auf, dass die Menschen oft sehr teilnahmslos durch ihre Welt laufen, und die Umgebungen in denen sie sich bewegen kaum wahrnehmen.

Da ich unsere Umwelt nicht fotografisch, sondern eher grafisch stilisiert zeige, weicht die Darstellung von der Erwartung des Betrachters ab und es entsteht ein Interesse das Dargestellte zu erkennen und zu verstehen. Es ist paradox, dass die Abstraktion einer Abbildung Aufmerksamkeit hervorruft, während das Reale oft weniger Beachtung findet.


Kunstnürnberg: Wo und wann ist die nächste Gelegenheit, um deine Werke im Original zu sehen?

Thomas Bischof: Am 29. Januar 2015 ist die Vernissage meiner 4-wöchigen Ausstellung in der Residenz Hilpoltstein bei Roth. Es handelt sich um eine Doppelausstellung mit Günter Derleth, der mit seiner historischen „Camera opscura Photographie“ einen Gegenpol zu meiner Darstellungstechnik bildet. Deshalb auch der Titel: „Die Polarität der Darstellung“. Walter Hettich wird die Laudatio/Ansprache halten.

Es ist meine bisher größte Ausstellung mit ca. 30 CHRONO-GRAFIKEN überwiegend aus Franken, aber auch aus Berlin, Rom und Venedig sowie erstmalig drei Wasser-Gold-Bilder. Nächste Ziele sind Metropolen der Welt – zunächst NewYork. Vor allem um Motive einzufangen, aber auch um Kontakte für Ausstellungen zu knüpfen. Ich habe größtes Interesse einige der komplexen Vorgänge in Großstädten als Chrono-Grafik darzustellen.

In diesem Zusammenhang suche ich einen Sponsor der sich für meine Arbeiten begeistert und mir ermöglicht weitere interessante Objekte und Projekte in Angriff zu nehmen. Es ist ein bischen wie mit dem Beton: „Es kommt drauf an, was man daraus macht.“

Interview - Ende